Vorstellung und Schwerpunkte
academa: Stellen Sie sich gerne einmal kurz vor: Wer sind Sie und womit beschäftigen Sie sich?
Uwe Bekemann
Mein Name ist Uwe Bekemann. Ich beschäftige mich mit dem Thema Antikorruption in der öffentlichen Verwaltung und verbinde dabei Praxis und Theorie miteinander.
Fast 25 Jahre lang war ich als Antikorruptionsbeauftragter in einer westdeutschen Großstadt tätig. In dieser Funktion habe ich mich mit allem beschäftigt, was im Bereich Antikorruption anfallen kann: Prävention, Repression, kommunale Aufgaben, Prüfung, Aufsicht und Kontrolle. Aus dieser Aufgabe wurde für mich sehr schnell ein Fulltime-Job.
Inzwischen bin ich seit rund anderthalb Jahren im Ruhestand. Das Thema Antikorruption begleitet mich aber weiterhin intensiv – insbesondere in der Fortbildung von Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Dort habe ich schon früh Schulungsaufträge übernommen und das Thema Antikorruption nach und nach zu einem meiner zentralen Schwerpunkte gemacht.
Der Weg zur Antikorruptionsarbeit
academa: Wie sind Sie zum Thema Korruption und Antikorruptionsarbeit gekommen?
Uwe Bekemann
Gesucht habe ich mir diesen Weg ursprünglich nicht. Am Anfang wäre ich selbst gar nicht auf die Idee gekommen, mich beruflich einmal schwerpunktmäßig mit Antikorruption zu beschäftigen.
Dann ergab sich im dienstlichen Bereich die Möglichkeit und zugleich die Notwendigkeit, die Stelle eines Antikorruptionsbeauftragten zu besetzen. Zunächst war ich etwas zurückhaltend, weil ich zu diesem Thema damals noch keinen engen Bezug hatte. Gleichzeitig klang die Aufgabe spannend und bot auch eine berufliche Entwicklungsperspektive.
Ich habe die Stelle angenommen, bin nach und nach in das Thema hineingewachsen und habe sehr schnell gemerkt, wie wenig ich vorher darüber wusste. Gleichzeitig habe ich erkannt, wie wichtig und vielschichtig Antikorruptionsarbeit ist. Rückblickend war es genau das richtige Thema für mich, und ich habe diesen Schritt nie bereut.
Erfahrungen aus über 1.000 Veranstaltungen
academa: Gibt es eine Erfahrung aus Ihren Schulungen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Uwe Bekemann
Ich habe inzwischen über 1.000 Veranstaltungen geleitet – sowohl im innerdienstlichen Bereich als auch freiberuflich. Dabei gab es viele einzelne Erlebnisse, die mir im Gedächtnis geblieben sind.
Besonders prägend war für mich aber immer wieder der Unterschied zwischen dem Wissensstand vor einer Schulung und dem Verständnis nach einer Schulung – manchmal schon nach einer halben oder einer Stunde.
Viele Beschäftigte haben zunächst ein sehr abstraktes Bild von Korruption. Sie denken an Fälle aus Filmen, aus der Zeitung oder aus den Nachrichten. Das alltägliche Gesicht von Korruption sieht in der Praxis aber oft ganz anders aus. Es ist häufig viel banaler.
Man kann durch einfache Fehler, Versäumnisse oder fehlende Sensibilität in Situationen geraten, die problematisch werden können – auch ohne eigene Absicht. Häufig beginnt es damit, dass eine Kontaktperson eine bestimmte Situation schafft und die betroffene Person nicht rechtzeitig erkennt, dass sie vorsichtig sein muss.
Deshalb ist Sensibilisierung so wichtig. Wenn Beschäftigte früh genug verstehen, wo Korruption beginnen kann, welche Situationen riskant sind und wie alltäglich solche Situationen auftreten können, ist sehr viel gewonnen.
Hat sich die Sensibilität verändert?
academa: Hat sich die Sensibilität für Korruption in den vergangenen Jahren verändert?
Uwe Bekemann
Das kann man nicht pauschal beantworten. In Städten, Kreisen und Behörden, die qualifizierte Schulungen durchführen und das Thema ernsthaft bearbeiten, hat sich sehr viel getan. Dort merkt man deutlich, dass Sensibilität entsteht und sich innerhalb einer Verwaltung verbreitet.
Vor 25 Jahren habe ich häufiger erlebt, dass es kritische Situationen gab, die gar nicht als solche wahrgenommen wurden. Neue Beschäftigte kamen dann in Bereiche, in denen problematische Gewohnheiten bereits existierten, und wurden gewissermaßen falsch geprägt.
Dort, wo seit Jahren geschult und sensibilisiert wird, passiert das deutlich seltener. Gleichzeitig gibt es aber weiterhin Behörden, die erst sehr spät mit diesem Thema beginnen. Auch in jüngerer Zeit habe ich Verwaltungen erlebt, die erstmals geschult haben und bei denen Grundprobleme sichtbar wurden, die ich schon vor 25 Jahren gesehen habe. Deshalb bleibt Antikorruption ein Thema, das kontinuierlich bearbeitet werden muss.
Riskante Situationen im Verwaltungsalltag
academa: Welche Situationen sind im Verwaltungsalltag besonders riskant?
Uwe Bekemann
Die meisten unbewussten Fehler entstehen im unmittelbaren Kontakt mit anderen Menschen. Das können sehr unterschiedliche Personen sein: Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen, Auftragnehmende, unterstützungsbedürftige Personen oder andere externe Kontakte.
Besonders kritisch sind Situationen, die plötzlich entstehen. Beschäftigte erleben dann ad hoc etwas, das möglicherweise mit Korruption oder Vorteilsannahme zu tun hat, erkennen es aber nicht sofort. Genau in solchen Momenten ist es wichtig, vorbereitet zu sein und richtig reagieren zu können.
Man muss dabei zwei große Bereiche unterscheiden. Zum einen gibt es Vorteile, die für rechtmäßiges und pflichtgemäßes Verhalten angeboten werden. Zum anderen gibt es Korruption im Zusammenhang mit rechtswidrigem oder pflichtwidrigem Handeln.
Gerade der erste Bereich kommt in der Praxis häufig vor. Menschen möchten sich bedanken, weil sie gut behandelt wurden oder weil ihnen geholfen wurde. Aus dem Privatleben kennen wir solche Gesten: Man bedankt sich nicht nur mit Worten, sondern vielleicht auch mit einer Kleinigkeit. Im dienstlichen Bereich gelten aber andere Regeln. Was privat selbstverständlich erscheinen kann, ist im öffentlichen Dienst aufgrund der Vorschriftenlage oft problematisch.
„Korruption passiert nicht bei uns“
academa: Viele Beschäftigte denken: Korruption passiert nicht bei uns. Wie begegnen Sie dieser Haltung?
Uwe Bekemann
Für diese Haltung habe ich beim Erstkontakt grundsätzlich Verständnis. Sie zeigt ja auch, dass Menschen davon überzeugt sind, richtig zu handeln, und dass sie den Anspruch haben, korrekt zu arbeiten.
Ich reagiere darauf, indem ich aufzeige, wo die tatsächlichen Probleme im Alltag liegen. Wenn Beschäftigte erkennen, dass Korruptionsrisiken nicht nur in spektakulären Fällen entstehen, sondern auch in alltäglichen Situationen, entsteht häufig ein Aha-Effekt. Viele sagen dann: Aus dieser Perspektive habe ich das noch gar nicht betrachtet.
Das gilt nicht nur für Sachbearbeitung oder operative Bereiche, sondern auch für Führungskräfte. Gerade dort, wo bisher wenig Antikorruptionsarbeit stattgefunden hat, fehlen oft Wissen und Erfahrung. Wenn die tatsächlichen Gefahrenstellen nicht bekannt sind, kann man auch nicht angemessen darauf reagieren.
Korruptionsprävention und Verwaltungskultur
academa: Ist Korruptionsprävention auch eine Frage der Verwaltungskultur?
Uwe Bekemann
Ja, auf jeden Fall. Zunächst müssen Strukturen geschaffen werden, die sich des Themas annehmen. In großen Behörden wird man diese Aufgabe auf mehrere Schultern verteilen müssen. In kleineren Behörden kann Antikorruption auch als zusätzliche Aufgabe in bestehende Strukturen integriert werden.
Entscheidend ist aber: Es darf nicht nur auf dem Papier eine Zuständigkeit geben. Die Aufgabe muss tatsächlich wahrgenommen werden.
Antikorruption muss Teil eines Regelkreislaufs sein. Sie muss in die Köpfe der Beschäftigten und in die Strukturen der Behörde hinein. Es reicht nicht, gelegentlich an eine Schulung zu denken, weil eine Wiedervorlage daran erinnert. Das wäre zu wenig.
Antikorruption ist eine Sekundäraufgabe. Beschäftigte haben ihre fachlichen Primäraufgaben – etwa im Bauwesen, in der Vergabe, im Sozialbereich oder in anderen Verwaltungsfeldern. Diese Primäraufgaben müssen aber korrekt, integer und korruptionssensibel ausgeführt werden.
Deshalb muss Antikorruption mit den jeweiligen Fachaufgaben verbunden werden. In Bereichen mit hoher Gefährdung braucht es intensivere Maßnahmen. In Bereichen mit geringerer Gefährdung können kürzere Sensibilisierungen ausreichend sein. Wichtig ist, dass die Maßnahmen zur tatsächlichen Gefährdungslage passen.
Digitale Formate für Antikorruption
academa: Eignen sich digitale Formate für ein sensibles Thema wie Antikorruption?
Uwe Bekemann
Ja, ganz klar. Digitale Formate eignen sich ausgezeichnet für dieses Thema – in manchen Punkten sogar besser als reine Präsenzveranstaltungen.
Ein großer Vorteil ist, dass digitale Kurse Beschäftigte zeitlich flexibler erreichen. Eine Präsenzveranstaltung findet zu einem bestimmten Zeitpunkt statt. Danach ist sie vorbei. Ein digitales Format kann dagegen wiederholt genutzt werden. Beschäftigte können Inhalte ein zweites oder drittes Mal ansehen und sich zu einem Zeitpunkt damit beschäftigen, der für sie passt.
Wichtig ist allerdings, dass ein digitales Format denselben Anspruch erfüllt wie eine gute Präsenzveranstaltung. Es muss Kontakt herstellen, Relevanz erzeugen und den Teilnehmenden deutlich machen: Dieses Thema betrifft dich. Du kannst in korruptionsgefährdende Situationen geraten, und du brauchst Wissen und Sensibilität, um damit richtig umzugehen.
Wenn ein digitales Format das leistet, halte ich es für eine sehr gute Lösung – gerade auch für die breite Sensibilisierung in Behörden.
Der academa-Kurs zur Antikorruption
academa: Für wen ist der academa-Kurs zur Antikorruption gedacht?
Uwe Bekemann
Der Kurs ist als Grundkurs konzipiert und richtet sich grundsätzlich an alle Beschäftigten im öffentlichen Dienst.
Alle Bediensteten sollten eine solche Sensibilisierung einmal erhalten haben. Nicht jede Person wird jeden Inhalt in gleicher Tiefe benötigen. Wer in einem Bereich mit geringer Gefährdung arbeitet, braucht vielleicht nur bestimmte Teile. Aber grundsätzlich vermittelt der Kurs den Stoff, den alle Beschäftigten kennen sollten.
Für besonders gefährdete Bereiche – etwa das Subventionswesen oder das Auftrags- und Vertragswesen – kann zusätzlich vertiefendes Wissen notwendig sein. Dort braucht es unter Umständen spezielle Inhalte, etwa zur Verzahnung von Antikorruption und Vergaberecht.
Der academa-Kurs bietet dafür die grundlegende Sensibilisierung. Er schafft ein gemeinsames Verständnis dafür, was Korruption ist, wo Risiken entstehen und wie Beschäftigte sich richtig verhalten können.
academa: Wie oft sollten Mitarbeitende im öffentlichen Dienst zum Thema Antikorruption geschult werden?
Uwe Bekemann
Antikorruption sollte nicht als einmalige Maßnahme verstanden werden. Das Thema muss regelmäßig aufgegriffen werden, weil es nur dann dauerhaft in den Köpfen bleibt und Teil der Verwaltungskultur wird.
Wie intensiv und wie häufig geschult werden sollte, hängt von der jeweiligen Gefährdungslage ab. In besonders risikobehafteten Bereichen braucht es engere und vertiefte Schulungen. In weniger gefährdeten Bereichen können kürzere, wiederkehrende Sensibilisierungen ausreichen.
Entscheidend ist, dass Antikorruption nicht in Vergessenheit gerät. Sie muss dauerhaft mitgedacht werden – angepasst an die jeweilige Aufgabe, den Arbeitsbereich und die konkrete Risikolage.
Rat an neue Mitarbeitende
academa: Welchen Ratschlag würden Sie neuen Mitarbeitenden im öffentlichen Dienst mitgeben?
Uwe Bekemann
Seien Sie in diesem Punkt ruhig ein bisschen egoistisch und denken Sie an sich selbst. Lassen Sie sich die Informationen geben, die Sie brauchen, um zum Thema Korruption eine richtige inhaltliche Einstellung und die notwendige Sensibilität entwickeln zu können.
Verlangen Sie von sich selbst, aber auch von den zuständigen Stellen in Ihrer Behörde, dass Sie ausreichend informiert werden. Denn dieses Wissen hilft Ihnen, in konkreten Situationen korrekt, angemessen und sachgerecht zu handeln. Und es schützt am Ende nicht nur die Verwaltung, sondern auch Sie selbst.
Fazit
academa: Was ist Ihr wichtigster Gedanke zum Abschluss?
Uwe Bekemann
Die meisten Menschen im öffentlichen Dienst haben keinerlei Interesse an Korruption. Genau deshalb ist Prävention so wichtig.
Korruptionsrisiken entstehen oft nicht aus böser Absicht, sondern durch fehlendes Wissen, mangelnde Sensibilität oder falsch eingeschätzte Alltagssituationen. Wenn Beschäftigte verstehen, wo Risiken beginnen und wie sie sich schützen können, ist schon sehr viel erreicht.
Antikorruption muss deshalb dauerhaft, praxisnah und verständlich vermittelt werden – nicht nur als Regelwerk, sondern als Teil professionellen Verwaltungshandelns.
Mehr über Uwe Bekemann als academa-Referenten und zum Kurs Korruption & Compliance erfahren Sie auf den verlinkten Seiten.
